Viel zu…

Viel zu lange nichts geschrieben! In der letzten Zeit ist einiges passiert, was direkt oder indirekt mit meinem Blog zu tun hat. Seit Dezember war ich in einigen Städten und bei einigen Gruppen um dort meinen Workshop “Fatshaming&Lookism- ganz normaler Alltagswahnsinn?” zu halten und darüber zu diskutieren. Das war zwar anstrengend (4 Workshops in 2 Wochen sind irgendwann nicht mehr spaßig), aber ich freue mich über jedes Feedback mit dem Inhalt “Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht…”. Ich hoffe wirklichwirklichwirklich, dass Menschen, die sich noch nie darüber Gedanken gemacht haben, anfangen sich Gedanken zu machen. Oder zu merken, wie normal es ist andere Menschen aufgrund ihres Gewichts zu diskriminieren.

Ich merke immer wieder, wie wenig sich Menschen über Diskriminierung von anderen Gedanken machen. Mir geht es selbst so- ich bin sehr privilegiert dadurch weiß und ein Cis-Mensch zu sein. Wiederum in einer unterprivilegierten Rolle als Frau und vor allem als fette Frau, die einem genormten Schönheitsideal nie entsprochen hat.

Um diesem Scheißgefühl des “nie ausreichens” bzw des ewigen “hässlich fühlens und sich vor Anderen deswegen schämen zu müssen” zu entgehen, habe ich begonnen mich mit tollen Menschen zu umgeben, beidenen ich diese Gefühle nicht mehr permanent haben muss. Queerfeministische Ideen sind auf einmal standard, Diskriminierungsformen werden thematisiert und versucht- wenigstens innerhalb des Freund_innenkreises- zu minimieren.

Dass das nicht einfach ist und schon gar nicht immer klappt, ist klar. Verschiedene Denkweisen und Muster stecken so tief in uns drin, dass wir sie kaum loswerden können. Mir geht es selbst so: versuche ich doch Menschen über das Thema Lookism aufzuklären in meinen Workshops, denke ich trotzdem noch sooft “Wie sieht die_der denn aus?!” oder “Wenn sie_er nur ein kleines bisschen was anders machen würde, würde sie_er viel hübscher sein!”. Diese Gedanken sind so sinnlos- was bringts mir mich damit zu beschäftigen? Geht mich nichts an, wie andere aussehen, solange sie mich nicht danach fragen. So ist es nur eine ergebnislose Kopfvermüllung.

Ein Problem mit den unterschiedlichen Privilegien und Nachteilen führt es aber mit sich: ich habe manchmal das Gefühl, dass man versucht sich mehr ins Abseits zu stellen oder anderen verbietet (oder abrät) über andere Diskriminierungsformen zu sprechen oder diese darzustellen. “Das kannst du doch gar nicht nachvollziehen, du bist nicht betroffen!” oder “Du hast kein Recht darüber zu sprechen!”. Das ist sehr schwer. Innerhalb der Szene, in der ich mich bewege, gibt es zum Beispiel unterschiedliche Auffassungen darüber, wer zur “fetten Szene” dazugehören darf und wer nicht. Ab wann ist man fett genug? Gilt die Szene auch für Menschen, die früher fett und heute normiert sind? Sind nicht fast alle Frauen* wenigstens durch dumme Sprüche schon mal von Fatshaming betroffen gewesen?

Puh, Fragen über Fragen. Eins weiß ich aber: so wichtig es auch ist, auf diesen ganzen Privilegienapparat zu scheißen, so wichtig ist es auch darauf zu achten, andere nicht zu verletzen. Wenn eine nicht-weiße Frau* sich selbst pusht, indem sie erzählt, dass sie bestimmt die Beste seit langem im Bett für einen Kerl gewesen ist, ist das lustig, stark und empowernd. Wenn direkt danach aber der Satz kommt, dass weiße Frauen im Bett langweilig und schlecht sind und eine fette weiße Frau* in dieser Situation dabei steht die ihr gesamtes Leben eingeredet bekommt, dass sie niemals einen Kerl finden wird, der sie sexy findet, ist das entpowernd.

Was möchte ich damit sagen? Ich will auf keinen Fall sagen, dass meine Diskriminierungserfahrungen extremer oder schlimmer waren, wie die Erfahrungen von anderen. Nein, ich glaube außerdem nicht, dass man unterschiedliche Diskriminierungsformen 1:1 vergleichen kann. Aber es ist nicht so, dass man automatisch total aware ist, nur weil man diskriminiert wird (das sehe ich ja daran, dass ich lookistische Gedanken habe, obwohl ich Lookismus und Fatshaming so verabscheue).

Kein Mensch kann immer und per se für alles aware sein. Das ist menschlich. Aber jeder Mensch kann versuchen offen zu sein für die Diskriminierungserfahrungen von anderen und diese immer (!) ernst zu nehmen. Bitte hört nicht auf euch und euer Handeln zu reflektieren. Reflexion und die damit hoffentlich einhergehende Erkenntnis sind das einzige Mittel um Ausgrenzung und Diskriminierung zu überwinden.

Advertisements

“Mein Körper ist politisch!” WTF?

Letztens durfte ich im Rahmen des CSDs in Leipzig einen kleinen Vortrag über Lookismus und Fatshaming halten. Darauf bekam ich einiges an Resonanz (was sehr spannend für mich ist, bisher hatte mein Blog ja nur eine eher kleine Reichweite).

Das Meiste was positiv, einiges negativ. Sehr weniges aber traf mich doch. Einige Menschen hatten oder wollten mich und die Botschaft, die ich rüberbringen möchte, irgendwie nicht verstanden. Ich möchte nach und nach einiges an noch offenen Fragen hier im Blog abarbeiten.

Fangen wir an.

Es wurde sich noch und nöcher am Statement “mein Körper ist politisch” aufgehangen. Puh, kein leichtes das irgendwie möglichst verständlich zu machen. Deshalb versuche ich das nochmal zu erklären:

Mein Körper ist politisch! -was heißt das?

Körper sind zuerst erst einfach da. Wir haben alle einen, jeder Körper sieht anders aus. Manche entsprechen der Norm, andere eher nicht so, andere jedoch weichen komplett davon ab. Die Gesellschaft sagt: Körper A ist gut, Körper B geht gerade noch so, Körper C ist unfassbar- sowas soll in unserer Gesellschaft nicht existieren. Bitte niemals Körper C erwähnen. Und wenn Körper C erwähnt wird, bitte nur im Zusammenhang mit “Diät!” oder “Schönheits-OP!” oder “Ganzkörperrasur!”.

Wo ist die Politik dahinter? Und verweichlicht der Begriff Politik nicht, wenn alles und jedes immer zwingend politisch ist?

Also erst Mal: nein. Wieso zur Hölle sollte damit der Begriff Politik verweichlicht werden? Ganz im Gegenteil: wenn etwas als politisch begriffen wird, hat es für viele Menschen einen besondereren Stellenwert als davor. Es scheint wichtiger, intellektueller (was Blödsinn ist eigentlich). Was früher für dicke_fette Frauen* (und natürlich auch für Männer*) vielleicht nichts als Scham beherbergte, könnte einen politischen Stellenplatz einnehmen. Quasi ein “jetzt erst recht”. Vielleicht würde dann ein Umdenken stattfinden, vielleicht die Erkenntnis, dass sich Menschen mit dicken_fetten Körpern den gleichen Platz nehmen können, wie es Menschen, die der Norm entsprechen, ohne Nachzudenken machen (ich denke da allein an das Schwimmen gehen- für viele dicke_fette_haarige_magere Menschen ein Grauen, während es für viele normgerechte Menschen eine Selbstverständlichkeit ist, über die man nicht weiter grübelt).

Kurz: für mich ist das Politische dahinter, dass man auf Normen und gesellschaftliche Zwänge scheißt und sich selbst (und hoffentlich damit auch andere) empowert. Wenn mehr Menschen, die irgendwie nicht der Norm entsprechen, einfach machen würden (also kurze Röcke/ Hosen, Badesachen, nackt in der Sauna etc), wäre es vielleicht viel weniger “abnormal”. Aber dazu bräuchte es ein Umdenken. Was schwierig wird bei dieser engstirnigen Gesellschaft.

“Ah, du willst abnehmen?”

Ich fahre gerne Fahrrad. Ich habe ein altes, rotes Hollandrad mit dem ich gerne einkaufen fahre. Einfach so, weil ichs kann. Seltsamerweise wurde ich dann gleich darauf angesprochen, dass ich durch das Fahrrad fahren ja auch super nebenher abnehmen kann. Ich war dann ganz verdutzt und habe gefragt, wieso das wichtig wäre und dass das nicht der Grund ist wieso ich Fahrrad fahre. Jetzt war mein Gegenüber an der Reihe verdutzt zu gucken. Es wurde etwas gestammelt à la “Also ich dachte nur…”. 

Das macht mich wütend. Dicke und fette Menschen dürfen sich nicht einfach aus Spaß bewegen, dicke Menschen machen nur Sport um abzunehmen! Gleichzeitig aber wird es als ekelhaft empfunden fette Menschen sporteln zu sehen: dicke Menschen sollen nicht ins Schwimmbad (viel zu fett um sich in Bademode zu zeigen!), dicke Menschen sollen nicht tanzen gehen (sieht doch unästhetisch aus!) und dicke Menschen sollen nicht turnen (da schwabbelt doch alles!). Dieses Sport machen sollen, aber bitte nicht in der (schlanken) Öffentlichkeit kann einen verrückt machen. 

Aber: ich habe gelernt es zu ignorieren. In einer Gesellschaft, die dicke und fette Menschen von vorneherein nicht akzeptiert (egal ob sportlich oder nicht), habe ich keine Lust mich durch dumme Sprüche beeinflussen zu lassen. Wenn ich Bock hab im Bikini schwimmen zu gehen, bekommt jede_r meinen Speck zu sehen. Wenn ich Lust hab Sport zu machen, schwabbel ich eben schwitzend durch den Park. Deal with it.

#NotYourBeforePhoto

#NotYourBeforePhoto

Mein Beitrag zur #NotYourBeforePhoto- Kampagne. Der Bloggerin Rachele wurde ein Foto auf Facebook “gestohlen” und dann für ein Diätprodukt benutzt. Es ist ein Unding, dass von dicken Frauen grundsätzlich gedacht wird, das sie ihre Körper gesellschaftskonform gestalten wollen. Gegen den Trend der “Before- After” Fotos wurde diese Kampagne gestartet.

Rachele dazu: “A way of showing solidarity where rad fats (and anyone else wanting to participate) pose proudly as a big fuck you to anyone who thinks they can steal our photos for their shady ads.”

Fetisch?!

“Fetishes are literally viewed as fake forms of attraction. The fetish concept is used to delegitimatize attraction to any and all bodies that are not considered normative. This is why people are accused to have transgender fetishes and fat fetishes and disability fetishes, but never cisgender fetishes, thin fetishes or able-bodied fetishes. Even in cases in which the person in question exclusively partners with these latter groups.” -Julia Serano

Und wieder: fett sein ist nicht normal. Und auf Fette stehen schon gar nicht. Die Sache mit dem Fetisch ist sowieso schwierig- wenn jemand außerhalb der “Normen” Sex hat, gilt das gleich als schmuddelig, pervers und sollte niemals in der Öffentlichkeit besprochen werden.

Ich verstehe das bis heute nicht- wie ich Sex haben möchte geht doch niemand etwas an. Ob ich es haben möchte mit meinem_meiner Partner_in, mit wildfremden Menschen, mit einem oder vielen Menschen. Wieso gibt es hier Tabus und Normen, die einem vorschreiben wollen, was moralisch und was abartig ist (Voraussetzung hier natürlich, dass alle Beteiligten einverstanden sind)?

Die Normen zu Sex sind den Normen zu Körperformen sehr ähnlich: irgendwann hat irgendwer beschlossen, was man zu tun und was zu lassen hat. Menschen, die nicht in die Norm fallen, haben Pech und sollen sich gefälligst anpassen. Oder wenigstens so tun, als gäbe es ihre Vorliebe nicht. Oder sich unauffällige Kleidung kaufen und sich dahinter verstecken.

Fatfetish- hat man dabei mit Fett Sex oder einem Menschen? Kann man einen Menschenfetisch haben? Irgendwie nicht. Normen nerven.

Neulich auf Kleiderkreisel

Ich bin Mitglied bei Kleiderkreisel und hänge viel im Forum rum, wenn ich Zeit zu viel hab. Viele Threads gehen um das Abnehmen, Diättipps, Whatsapp- Gruppen zum Thema gesunde Ernährung, dünner werden, Sportgruppen finden ect. Was vollkommen okay ist- Sport treiben ist gesund und gut für die Psyche. Solang es auf freiwilliger Basis geschieht (Schulsport ist für die Meisten die Hölle gewesen- wer hat das schon gerne und freiwillig mitgemacht?).

Das Problem dabei: ich vermute, dass das die wenigstens Frauen und Mädchen freiwillig machen. Oftmals ist der Wunsch nach mehr Sport der Wunsch danach endlich richtig dünn zu sein. Egal wie. Durch hungern, zu viel Sport, ungesunde Abnehmmethoden. Hauptsache irgendwie dünn. Aber- das frage ich mich ernsthaft- wie viele von diesen Mädels möchten das aus freien Willen? Einige Mädchen erzählten im Forum, wie zufrieden sie waren mit ihrem Körper und sich eigentlich schön fanden. Bis mal ein zweifelnder Blick im Schwimmbad von Fremden, vom Freund ein Kommentar “Ich finde neuerdings Sex im Dunkeln besser” oder von einer Freundin “Ist das Kleid beim Waschen eingegangen?” kommt.

Zack. Mitten ins Selbstbewusstsein. Sofort der Gedanke: bin ich zu fett? Das bisschen Speck am Schenkel ist auf einmal furchtbar, der Bauch zu dick, das Gesicht zu mopsig. Zwar ist auf Kleiderkreisel die Angabe von Größe und Gewicht verboten, aber dennoch häufen sich die Threads “Kann man mit Größe 40 noch Leggins tragen?” oder “Wie möglichst schnell abnehmen?”. Die Antworten in den Threads sind zwiegespalten in “Oh Gott, auf keinen Fall, man darf nur mit ganz dünnen Beinen Leggins tragen!” und “Mach doch was du willst, wenn dir die Leggins gefällt, solltest du sie tragen!”. 

Ich finde es wahnsinnig traurig, dass es normal ist, ständig an sich zu zweifeln. Traurig, dass bei jedem Kleidungsstück erst die Kleiderpolizei (in dem Fall ein ganzes Forum) gefragt werden muss, bevor man sich auch nur traut, den Artikel zu kaufen. Und zwar nicht weil man nicht weiß, ob man soviel Geld ausgeben mag. Sondern ob man nicht zu fett dafür ist. 

Solidarität?

Vor Jahren war ich in Frankfurt (am Main! Immer wenn ich in Zukunft von Frankfurt spreche meine ich das am Main. Das an der Oder ist komisch, das zählt für mich nicht ;D ) auf dem CSD. Naja, mittlerweile sehe ich den CSD etwas kritischer als es damals der Fall war- dazu aber vielleicht wann anders. Dort hing ich mit Freund_innen rum, betrank mich, wurde vollkonfettit- was eben so auf CSDs passiert. An einem Tisch sitzend kam ich mit einem Paar ins Gespräch. Beides weiße Frauen, blond, dünn, mit sehr wenig Kleidung am Leib- alle würden sich nach diesem hübschen Paar umdrehen. Wir kamen auf das Thema Solidarität zu LGBT*- Menschen von heterosexuellen Menschen zu sprechen. Das Paar meinte einstimmig, dass sie finden, dass heterosexuelle Paare sich aus Solidarität nicht in der Öffentlichkeit Liebesbekundungen austauschen sollten. Homosexuelle könnten das ja auch nicht (jedenfalls nicht ohne negative Reaktionen hervorzurufen). Diese Denkweise hat mich stutzig gemacht- zuerst fand ich es logisch, dann fand ich es blöd. Wieso sollte das Nichtküssen von Heterosexuellen LGBT*s in der Öffentlichkeit Solidarität bekunden? Ich verstehe total, dass Heterosexuellen das Privileg des “immer und überall ohne blöde Blicke küssen könnens” mal vor den Latz geknallt werden sollte. Privilegien Menschen aufzuzeigen, die da noch nie drüber nachgedacht haben, ist gut. Was für ein Glück das ist- jedenfalls für Menschen, die in einer heterosexuellen Beziehung leben. Wenn mich jemand blöd anschaut, dann höchstens weil ich fett bin.

Und hier wären wir wieder bei Solidarität- hätte ich diese Denke auch, müsste ich verlangen, dass sich dünne Menschen, die der Norm entsprechen, sich genauso anziehen sollen wie ich es nach den Klamottengeschäften tun sollte: komplett körperbedeckend. Möglichst dunkle Farben. Kurze Ärmel und Bauchfrei geht gar nicht. Wenn ich in diesem Moment das den beiden Frauen mit den perfekten Körpern gesagt hätte- wie hätten sie wohl reagiert? Hätten sie die Verbindung zwischen meiner und ihrer Forderung gesehen und sich fix unauffällige Shirts übergezogen?

Ich möchte solche Forderungen allerdings nicht stellen. In meiner Traumwelt kommen solche Forderungen nicht vor. Wie gesagt: Privilegien aufzeigen ist gut. Aber zu sagen, dass es solidarisch wäre auf schöne Sachen wie Küssen oder tolle Kleidung zu verzichten um damit eine Solidarität zu zeigen, die nicht sofort ersichtlich ist, ist ziemlicher Unfug (um genauer zu sein finde ich sogar, dass es solche verkorksten und für Außenstehende nicht nachvollziehbare Diskussionen sind, die abschrecken, statt zu interessieren). Diese unsichtbare Solidarität hilft weder mir noch anderen und verhindert auch keine gesellschaftlichen Normen, die uns einschränken. 

Die Lösung hier heißt: Solidarität. Natürlich. Aber nicht indem wir uns nicht küssen oder anziehen, wie wir möchten. Sondern indem wir aufhören anderen zu sagen, wie sie ihr Leben zu leben haben.