“Mein Körper ist politisch!” WTF?

Letztens durfte ich im Rahmen des CSDs in Leipzig einen kleinen Vortrag über Lookismus und Fatshaming halten. Darauf bekam ich einiges an Resonanz (was sehr spannend für mich ist, bisher hatte mein Blog ja nur eine eher kleine Reichweite).

Das Meiste was positiv, einiges negativ. Sehr weniges aber traf mich doch. Einige Menschen hatten oder wollten mich und die Botschaft, die ich rüberbringen möchte, irgendwie nicht verstanden. Ich möchte nach und nach einiges an noch offenen Fragen hier im Blog abarbeiten.

Fangen wir an.

Es wurde sich noch und nöcher am Statement “mein Körper ist politisch” aufgehangen. Puh, kein leichtes das irgendwie möglichst verständlich zu machen. Deshalb versuche ich das nochmal zu erklären:

Mein Körper ist politisch! -was heißt das?

Körper sind zuerst erst einfach da. Wir haben alle einen, jeder Körper sieht anders aus. Manche entsprechen der Norm, andere eher nicht so, andere jedoch weichen komplett davon ab. Die Gesellschaft sagt: Körper A ist gut, Körper B geht gerade noch so, Körper C ist unfassbar- sowas soll in unserer Gesellschaft nicht existieren. Bitte niemals Körper C erwähnen. Und wenn Körper C erwähnt wird, bitte nur im Zusammenhang mit “Diät!” oder “Schönheits-OP!” oder “Ganzkörperrasur!”.

Wo ist die Politik dahinter? Und verweichlicht der Begriff Politik nicht, wenn alles und jedes immer zwingend politisch ist?

Also erst Mal: nein. Wieso zur Hölle sollte damit der Begriff Politik verweichlicht werden? Ganz im Gegenteil: wenn etwas als politisch begriffen wird, hat es für viele Menschen einen besondereren Stellenwert als davor. Es scheint wichtiger, intellektueller (was Blödsinn ist eigentlich). Was früher für dicke_fette Frauen* (und natürlich auch für Männer*) vielleicht nichts als Scham beherbergte, könnte einen politischen Stellenplatz einnehmen. Quasi ein “jetzt erst recht”. Vielleicht würde dann ein Umdenken stattfinden, vielleicht die Erkenntnis, dass sich Menschen mit dicken_fetten Körpern den gleichen Platz nehmen können, wie es Menschen, die der Norm entsprechen, ohne Nachzudenken machen (ich denke da allein an das Schwimmen gehen- für viele dicke_fette_haarige_magere Menschen ein Grauen, während es für viele normgerechte Menschen eine Selbstverständlichkeit ist, über die man nicht weiter grübelt).

Kurz: für mich ist das Politische dahinter, dass man auf Normen und gesellschaftliche Zwänge scheißt und sich selbst (und hoffentlich damit auch andere) empowert. Wenn mehr Menschen, die irgendwie nicht der Norm entsprechen, einfach machen würden (also kurze Röcke/ Hosen, Badesachen, nackt in der Sauna etc), wäre es vielleicht viel weniger “abnormal”. Aber dazu bräuchte es ein Umdenken. Was schwierig wird bei dieser engstirnigen Gesellschaft.

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Neulich auf Kleiderkreisel

Ich bin Mitglied bei Kleiderkreisel und hänge viel im Forum rum, wenn ich Zeit zu viel hab. Viele Threads gehen um das Abnehmen, Diättipps, Whatsapp- Gruppen zum Thema gesunde Ernährung, dünner werden, Sportgruppen finden ect. Was vollkommen okay ist- Sport treiben ist gesund und gut für die Psyche. Solang es auf freiwilliger Basis geschieht (Schulsport ist für die Meisten die Hölle gewesen- wer hat das schon gerne und freiwillig mitgemacht?).

Das Problem dabei: ich vermute, dass das die wenigstens Frauen und Mädchen freiwillig machen. Oftmals ist der Wunsch nach mehr Sport der Wunsch danach endlich richtig dünn zu sein. Egal wie. Durch hungern, zu viel Sport, ungesunde Abnehmmethoden. Hauptsache irgendwie dünn. Aber- das frage ich mich ernsthaft- wie viele von diesen Mädels möchten das aus freien Willen? Einige Mädchen erzählten im Forum, wie zufrieden sie waren mit ihrem Körper und sich eigentlich schön fanden. Bis mal ein zweifelnder Blick im Schwimmbad von Fremden, vom Freund ein Kommentar “Ich finde neuerdings Sex im Dunkeln besser” oder von einer Freundin “Ist das Kleid beim Waschen eingegangen?” kommt.

Zack. Mitten ins Selbstbewusstsein. Sofort der Gedanke: bin ich zu fett? Das bisschen Speck am Schenkel ist auf einmal furchtbar, der Bauch zu dick, das Gesicht zu mopsig. Zwar ist auf Kleiderkreisel die Angabe von Größe und Gewicht verboten, aber dennoch häufen sich die Threads “Kann man mit Größe 40 noch Leggins tragen?” oder “Wie möglichst schnell abnehmen?”. Die Antworten in den Threads sind zwiegespalten in “Oh Gott, auf keinen Fall, man darf nur mit ganz dünnen Beinen Leggins tragen!” und “Mach doch was du willst, wenn dir die Leggins gefällt, solltest du sie tragen!”. 

Ich finde es wahnsinnig traurig, dass es normal ist, ständig an sich zu zweifeln. Traurig, dass bei jedem Kleidungsstück erst die Kleiderpolizei (in dem Fall ein ganzes Forum) gefragt werden muss, bevor man sich auch nur traut, den Artikel zu kaufen. Und zwar nicht weil man nicht weiß, ob man soviel Geld ausgeben mag. Sondern ob man nicht zu fett dafür ist. 

Solidarität?

Vor Jahren war ich in Frankfurt (am Main! Immer wenn ich in Zukunft von Frankfurt spreche meine ich das am Main. Das an der Oder ist komisch, das zählt für mich nicht ;D ) auf dem CSD. Naja, mittlerweile sehe ich den CSD etwas kritischer als es damals der Fall war- dazu aber vielleicht wann anders. Dort hing ich mit Freund_innen rum, betrank mich, wurde vollkonfettit- was eben so auf CSDs passiert. An einem Tisch sitzend kam ich mit einem Paar ins Gespräch. Beides weiße Frauen, blond, dünn, mit sehr wenig Kleidung am Leib- alle würden sich nach diesem hübschen Paar umdrehen. Wir kamen auf das Thema Solidarität zu LGBT*- Menschen von heterosexuellen Menschen zu sprechen. Das Paar meinte einstimmig, dass sie finden, dass heterosexuelle Paare sich aus Solidarität nicht in der Öffentlichkeit Liebesbekundungen austauschen sollten. Homosexuelle könnten das ja auch nicht (jedenfalls nicht ohne negative Reaktionen hervorzurufen). Diese Denkweise hat mich stutzig gemacht- zuerst fand ich es logisch, dann fand ich es blöd. Wieso sollte das Nichtküssen von Heterosexuellen LGBT*s in der Öffentlichkeit Solidarität bekunden? Ich verstehe total, dass Heterosexuellen das Privileg des “immer und überall ohne blöde Blicke küssen könnens” mal vor den Latz geknallt werden sollte. Privilegien Menschen aufzuzeigen, die da noch nie drüber nachgedacht haben, ist gut. Was für ein Glück das ist- jedenfalls für Menschen, die in einer heterosexuellen Beziehung leben. Wenn mich jemand blöd anschaut, dann höchstens weil ich fett bin.

Und hier wären wir wieder bei Solidarität- hätte ich diese Denke auch, müsste ich verlangen, dass sich dünne Menschen, die der Norm entsprechen, sich genauso anziehen sollen wie ich es nach den Klamottengeschäften tun sollte: komplett körperbedeckend. Möglichst dunkle Farben. Kurze Ärmel und Bauchfrei geht gar nicht. Wenn ich in diesem Moment das den beiden Frauen mit den perfekten Körpern gesagt hätte- wie hätten sie wohl reagiert? Hätten sie die Verbindung zwischen meiner und ihrer Forderung gesehen und sich fix unauffällige Shirts übergezogen?

Ich möchte solche Forderungen allerdings nicht stellen. In meiner Traumwelt kommen solche Forderungen nicht vor. Wie gesagt: Privilegien aufzeigen ist gut. Aber zu sagen, dass es solidarisch wäre auf schöne Sachen wie Küssen oder tolle Kleidung zu verzichten um damit eine Solidarität zu zeigen, die nicht sofort ersichtlich ist, ist ziemlicher Unfug (um genauer zu sein finde ich sogar, dass es solche verkorksten und für Außenstehende nicht nachvollziehbare Diskussionen sind, die abschrecken, statt zu interessieren). Diese unsichtbare Solidarität hilft weder mir noch anderen und verhindert auch keine gesellschaftlichen Normen, die uns einschränken. 

Die Lösung hier heißt: Solidarität. Natürlich. Aber nicht indem wir uns nicht küssen oder anziehen, wie wir möchten. Sondern indem wir aufhören anderen zu sagen, wie sie ihr Leben zu leben haben.